• Eva Parth dos Santos

Die Schweiz, ein Insel: Grenzüberschreitenden E-Commerce-Geschäfts zwischen der Schweiz und der EU

Für E-Commerce-Geschäfte in der Schweiz sollte es einfach sein, das Geschäft auf andere Länder in der EU auszuweiten. Die Schweiz liegt in der Mitte Europas, also warum nicht die Produkte auch in die EU zu verkaufen. Aber ist es wirklich so einfach?


Ich möchte hier einige der Erkenntnisse mit euch teilen, die ich in den letzten Monaten gewonnen habe, als ich nach einer Möglichkeit suchte, mein Schweizer E-Commerce-Geschäft auf die EU auszuweiten.


Als ich meine E-Commerce-Marke gründete, war mein geplanter Markt die DACH-Region (Deutschland, Österreich und die Schweiz). Am Anfang weiss man nicht, was man nicht weiss.

Es war ein langer Weg, um zu verstehen, was ich alles beachten muss, um meine Produkte nicht nur in der Schweiz, sondern auch in der EU zu verkaufen. Ich habe viel Zeit damit verbracht, zu recherchieren und Informationen zu sammeln, und möchte meine Erkenntnisse hier mit euch teilen.



**Ich bin keine Rechtsanwältin oder Buchhalterin. Alle Informationen und Aussagen sind nur als Gedankenanstoss gedacht und können nicht gegen mich verwendet werden.**

**Ich stehe in keiner Verbindung zu einem der verlinkten Unternehmen und werde auch nicht von diesen bezahlt.**



OPTION A: Versand von Waren aus der Schweiz und Zahlung der korrekten Mehrwertsteuer


Seit dem 1. Juli 2021 gelten neue MWST Regeln für den elektronischen Handel. Vor diesem Datum waren kleine Waren, die ihr an einen EU-Kunden verschicktet habt, von der Mehrwertsteuer befreit. Seit Mitte 2021 müssen E-Commerce-Unternehmen auf alle importierten Waren die Mehrwertsteuer des Landes des Kunden entrichten. Das heisst, wenn du ein Produkt an einen Endkunden in Europa schickst, musst du die Mehrwertsteuer in dem Land zahlen, in das du die Ware verschickt hast. Es gibt verschiedene Lösungen, um diese Vorschrift einzuhalten.



1. IOSS Registrierung


Um die MWST EU-weit korrekt abzuwickeln, musst du dich in einem EU-Land mit einer Mehrwertsteuernummer registrieren und beim IOSS (Import One-Stop Shop) anmelden. Die IOSS Registrierung muss ein/e Vermittler/in vornehmen, der/die auch dafür haftet, dass die Mehrwertsteuer korrekt abgerechnet und abgeführt wird. Im IOSS kannst du die Mehrwertsteuer für alle EU-Länder abrechnen. Alles, was du in deinem Online-Shop tun musst, ist, die korrekte Mehrwertsteuer beim Check-out zu berechnen und eine monatliche oder vierteljährliche Erklärung abzugeben. Dein/e Vermittler/in kann dich bei diesem Prozess unterstützen. Diese Lösung ist für Waren mit einem Wert von bis zu 150 € zugelassen.


Vorteile: du kannst von der Schweiz aus in alle EU-Länder verkaufen

Nachteile: laufende Kosten für den Vermittler, auch wenn du nichts verkaufst; die Registrierung kann lange dauern (mir wurde gesagt, dass es 6-8 Wochen dauert, während es in Wirklichkeit 6 Monate waren); du musst eine Lösung für Rücksendungen finden; Waren über 150 € können mit dieser Lösung nicht abgewickelt werden.


Empfehlung: Wenn du ein gewisses Versandvolumen hast, ist diese Lösung sinnvoll und hilft bei der Expansion auf dem EU-Markt.


2. DDP Versandlösung


Bei Lieferungen auf der Grundlage der Incoterms DDP (delivery duty paid) muss das E-Commerce-Unternehmen die Waren auf eigene Kosten und eigenes Risiko an einen Bestimmungsort im Land des Endkunden liefern. Der E-Commerce-Verkäufer muss alle damit verbundenen Formalitäten erledigen und neben den Kosten auch alle Einfuhrabgaben bezahlen. Die Schweizerische Post richtet für Unternehmen DDP-Lösungen ein, wenn das Volumen hoch genug ist. Hier kannst du ein unverbindliches Beratungsgespräch anfordern.


Vorteile: du kannst von der Schweiz aus in alle EU-Länder verkaufen ohne dich zusätzlich zu registrieren

Nachteile: relativ teuer pro Paket; du musst eine Lösung für Rücksendungen finden; nicht wirklich skalierbar


Empfehlung: Ich persönlich bin mir nicht sicher, ob diese Lösung im Vergleich zu IOSS noch sinnvoll ist.


3. Lass den Kunden die MWST und Einfuhrsteuer zahlen


Diese Lösung ist definitiv die einfachste für dich. Du versendest einfach das Paket und lässt die Kunden die Mehrwertsteuer (und Einfuhrsteuer) bezahlen. Während es uns in der Schweiz bewusst ist, dass manchmal Einfuhr- und sogar Mehrwertsteuer erhoben wird, sind die Kunden in der EU nicht daran gewöhnt, beim Empfang eines Pakets etwas zu bezahlen. Egal, ob es sich um Steuern oder Mehrwertsteuer handelt, jeder Endkunde wird bestenfalls überrascht oder verärgert sein, dass er beim Empfang des Pakets noch etwas bezahlen muss.


Vorteile: billige Lösung für Unternehmen, keine Einführung notwendig

Nachteile: Kunden können leicht verärgert sein; du musst eine Lösung für Rücksendungen finden


Empfehlung: Ich würde diese Lösung nicht empfehlen. Wenn du Kunden aus dem Ausland die Möglichkeit geben willst, bei dir einzukaufen, aber nicht über das erforderliche Volumen verfügst, ist das eine Option. Um deine Kunden nicht zu verärgern, empfehle ich dir jedoch, die zusätzlichen Kosten deutlich (!) zu kommunizieren.


4. Verkaufe auf einem Marktplatz


Hast du darüber nachgedacht, über Amazon oder einen anderen Marktplatz zu verkaufen? Eine Zusammenfassung mit vielen nützlichen Tipps findest du auf Swiss Global Enterprise oder KPMG.


Vorteile: je nach Marktplatz und Produkt ist dies eine gute Lösung; einfache Einrichtung

Nachteile: die Schaffung und Bekanntmachung einer Marke einschliesslich eigenem Stil und Marketing könnte schwieriger sein


Empfehlung: Ich bin keine Expertin auf diesem Gebiet, und du sollten selbst ein wenig mehr recherchieren, wenn dir diese Lösung gefällt. Für mich persönlich war der Marketingaspekt zu wichtig.



OPTION B: Ware von einem EU Land versenden


Je nachdem, wo deine Produkte hergestellt werden, zahlst du Einfuhrsteuern, um sie in die Schweiz einzuführen. Wenn du nun an einen EU-Kunden verkaufst, fallen Ausfuhrsteuern an, so dass deine Waren doppelt besteuert werden. Als Alternative zum Versand von Waren aus der Schweiz an deine Endkunden in Europa kannst du auch ein Lager in einem EU-Land einrichten. Dies könnte auch eine bessere Lösung sein, wenn du schwere oder sehr teure Waren hast, um Transportkosten und/oder Steuern zu sparen.


1. Eröffne dein eigenes Lager in einem EU-Land


Angenommen, du bist ein Schweizer E-Commerce-Unternehmen mit einem Lager in der Schweiz, würde dies bedeuten, dass du eine weitere Lagereinheit eröffnest. Wenn du dich entscheidest, dein eigenes Lager in der EU zu haben, musst du eine Tochtergesellschaft in diesem Land registrieren und jemand muss die Logistik von dort aus verwalten.


Vorteile: Rücksendungen von EU-Kunden sind einfacher

Nachteile: teuer in Bezug auf Anmeldung, Steuererklärungen und Personalkosten; du müsst zwei Lagerbestände verwalten


Empfehlung: Für ein kleines Start-up ist dies aufgrund der hohen Kosten und des logistischen Aufwands wahrscheinlich nicht sinnvoll.


2. Zusammenarbeit mit einem Fulfillment-Partner


Überlasse es jemand anderem, sich um Lagerung, Logistik, Rücksendungen und Inventar zu kümmern. Es gibt viele kleinere und grössere Fulfillment Unternehmen, die auch mit Start-ups zusammenarbeiten. Die meisten, wenn nicht sogar alle, wollen eine EAN-Kennzeichnung (Europäische Artikelnummer), die gescannt werden kann für eine einfachere Logistik. Um nur ein paar Unternehmen zu nennen: Logsta, byrd, weship, warehousing1, oder auch Amazon FBA. Du musst dich trotzdem mit einer MWST Nummer / im IOSS registrieren.


Vorteile: die Logistik ist als Gesamtpaket ausgelagert

Nachteile: angenommen du hast noch dein Lager in der Schweiz, musst du zwei Lagerbestände verwalten; die laufenden Kosten sind unabhängig von der Anzahl der Verkäufe


Empfehlung: Wenn zwei Lagerbestände und die laufenden Kosten machbar sind für dich, ist diese Lösung gut.


3. Close Border Fulfilment


Die Schweizerische Post bietet eine Lösung an, um alle deine Produkte in einem Fulfillment-Center in Frankreich direkt an der Grenze zur Schweiz und zu Deutschland zu lagern. Alle Kunden werden direkt von dort aus bedient und deine Kosten optimiert.


Vorteile: nur ein Lager; die gesamte Logistik wird übernommen

Nachteile: du musst dich bei OSS (One-Stop Shop) in Frankreich registrieren lassen und benötigst dafür einen Fiskalvertreter


Empfehlung: Diese Lösung ist sehr neu, scheint allerdings eine gute Lösung für Schweizer E-Commerce Unternehmen zu sein.



Andere Anforderungen


Es gibt noch einige andere Vorschriften, die bei der Markterweiterung deines Unternehmens zu beachten sind. Um sicherzustellen, dass dein Unternehmen die Vorschriften einhält, ist es wichtig, die Änderungen der EU-Vorschriften im Auge zu behalten.


1. REACH, RoHS, CE Zertifizierungsanforderungen


Die REACH, RoHS und CE Zertifizierungsanforderungen gelten für Produkte, die in EU-Ländern verkauft oder dorthin geliefert werden. Der Zweck dieser Anforderungen besteht darin, die Herstellung und Verwendung von chemischen Stoffen und deren mögliche Auswirkungen zu regeln. Überprüfe rechtzeitig, ob dein Produkt in diesen Bereich fällt.


2. Verpackungsgesetz


Einige EU-Länder haben ein Verpackungsgesetz erlassen, um die Auswirkungen von Verpackungsabfällen auf die Umwelt zu vermeiden oder zu verringern. Sobald du Waren an einen Endkunden in bestimmte Länder versendest, gelten die Gesetze. Oft musst du dich registrieren lassen und eine Gebühr entrichten. Einen Überblick über die Auswirkungen auf den elektronischen Handel findest du auf ecosistant. Die wichtigsten Länder und Verpackungsregister (keine exklusive Liste) sind LUCID in Deutschland, Frankreich, Spanien, BDO in Polen und andere.


3. Vorschriften über Etiketten, Bezeichnungen usw.


Jede Branche hat unterschiedliche zusätzliche Vorschriften und Anforderungen. In der Textilindustrie zum Beispiel müssen die EU-Kennzeichnungsvorschriften eingehalten werden. Ein Gespräch mit jemandem aus deiner Branche ist der beste Tipp.



Schlussfolgerung


Wie du siehst, gibt es viele verschiedene Optionen, um deine E-Commerce-Marke zum Erfolg zu bringen, und es hängt von vielen Dingen ab - wie der Grösse des E-Commerce-Geschäfts, den finanziellen Mitteln, dem Preis und dem Gewicht der Produkte, der Menge der Bestellungen, wo deine Kunden sitzen und vieles mehr.



Drei Tipps, die ich jedem der anfängt geben würde:

  1. Fang klein an und expandiere später. Wenn du versuchst, deine Produkte in vielen verschiedenen Ländern zu verkaufen, kannst du theoretisch einen grösseren Markt erreichen, aber du musst die Kunden auch erreichen. Am Anfang bedeutet ein grösserer Markt vor allem höhere Kosten für Logistik und Marketing (unterschätze nicht die lokalen Besonderheiten! Mehr dazu in einem anderen Blogbeitrag.). Du kannst später immer noch neue Märkte erschliessen.

  2. Recherchiere, damit du deine Möglichkeiten verstehst, aber warte nicht auf die perfekte Lösung. Dies ist eine sehr allgemeine Empfehlung, wenn es um das Leben als Gründer geht. Du wirst nie die perfekte Lösung finden, und nur weil eine Lösung jetzt perfekt ist, heisst das nicht, dass sie es später auch sein wird. Versuche, dich an die 80-20-Regel zu halten und dich später zu verbessern. Sonst fängst du vielleicht nie an.

  3. Sprich mit Experten in deiner Branche. Du bist nicht der/die Erste, die ein E-Commerce-Unternehmen gründet, und selbst wenn du ein Nischenprodukt gefunden hast, ist die Wahrscheinlichkeit gross, dass jemand vor dir auf die gleichen oder ähnliche Probleme gestossen ist. Hab keine Angst, Fragen zu stellen und so viele Informationen wie möglich einzuholen.




War das hilfreich? Wenn etwas unklar ist oder du weitere Fragen hast, kannst du diese gerne in den Kommentaren stellen.


Und nochmals: Ich bin keine Expertin, sondern jemand, der den Weg selbst gegangen ist (und dabei immer noch ständig dazulernt) und meine Erkenntnisse teilen möchte.


Möchtest du mehr über meinen E-Commerce Shop erfahren? Schau ihn dir hier an.

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